WEIHNACHTEN: DAMALS UND HEUTE

WEIHNACHTEN: DAMALS UND HEUTE

ALLE JAHRE WIEDER, KOMMT DER WEIHNACHTSSTRESS

Mitte November. Innenstadt. Shopping. Überall weihnachtliche Deko. Gestresste Eltern. Schuhverkäufer mit Weihnachtsmützen auf. Die sind schlecht gelaunt, weil sie eigentlich nur Schuhverkäufer sein wollen, nicht Kindergärtner. Aus den Boxen erklingen plötzlich die ersten Takte von „Last Christmas“. Fluchtreflex unterdrücken. Kann den Sohn ja nicht einfach hier stehen lassen. Also: Dableiben. Kostet Nerven. Schuhe gefunden. Schuhe gekauft. Kostet Geld. Viel Geld. Aber der Sohn hat warme Füsse. Papa versucht Sohn Jacke und Mütze anzuziehen. Sohn will nicht. Papa droht, Papa fleht. Sohn wirft sich auf den Boden. Sohn den Beruhigungsschnuller in den Schnabel gesteckt. Sohn lässt sich anziehen. Papa schwitzt. Raus in die Kälte. Erkältung vorprogrammiert.

Das Ganze hat aber auch sein Gutes. Tatsächlich! Ich wurde vorgewarnt. Der Wink mit dem Zaunpfahl wurde mit dem Vorschlaghammer ausgeführt. Weihnachten steht vor der Tür. Und dieses Jahr sollte doch alles anders werden. Kein Familienkarussell. Kein Streit um die Essenswahl. Keine Geschenke auf den letzten Drücker. Kein Stress. Einfach nur schöne und ruhige Weihnachten. Nur ein frommer Wunsch? Einen Versuch ist es wert.

WEIHNACHTEN ENDE DER 70ER, ANFANG DER 80ER

Es war perfekt. Friedlich. Entspannt. Leckeres Essen. Ruhe und Besinnlichkeit kehrten ein. Grober Ablauf: Am Vormittag Weihnachtsbaum aufstellen und schmücken. Strohsterne, Holzfiguren, rote Äpfel, echte Bienenwachskerzen. Das volle Programm. Der Feuerlöscher steht bereit. Safety first. Ohne zu murren rein in den Feiertags-Anzug. Dann die verschneite Strasse runter in die Kirche. Krippenspiel. Predigt. Weihnachtsbläser. „Fröhliche Weihnachten allerseits!“ Wir Kinder stürmten das Wohnzimmer. Brennende Kerzen auf dem Baum. Geschenke unter dem Baum drapiert, Oma und Opa auf dem Sofa. Weihnachtlicher Glanz in den Augen. Ab zum Essen. Alles lecker. Alle satt. Danach Geschenke auspacken. Endlich bis in die Nacht spielen. An den darauffolgenden Tagen: Spielen, Spazierengehen im Schneegestöber, viel Essen und Besuche bei dem Rest der Familie in der fernen, grossen Stadt. Klingt im Nachhinein wie beim kleinen Lord Fauntleroy. Aber so wurde es mir als Kind vorgelebt.

Weihnachten Ende der 70er, Anfang der 80er

WEIHNACHTEN DAMALS

FÜR KINDER EIN TRAUM, FÜR ELTERN EIN WAHNSINN

Wir lebten im Dorf auf dem platten Land. Das nächste Geschäft für die wirklich coolen Weihnachtsgeschenke war knappe 50 km entfernt. Das Internet und Online-Versandhäuser waren bis dato noch unbekannt. Dass für das leckere Festtagsessen die Mama beinahe die ganze Nacht in der Küche verbracht hat und wie viel Arbeit dahintersteckt, seiner Familie und in erster Linie seinem Nachwuchs ein perfektes Weihnachten zu schenken, haben wir Kinder nicht mitbekommen und sollten wir auch gar nicht. Und ich bin meinen Eltern ewig dankbar für jedes dieser wunderschönen Weihnachtsfeste.

Weihnachten heute

WEIHNACHTEN HEUTE

DER WAHNSINN HAT SICH VERLAGERT

Was das für sie für ein Stress gewesen sein muss, das realisiere ich erst jetzt, da die eigene Familie da ist. Und natürlich versuche ich dieses behütete Weihnachten, wie ich es erleben durfte, auch meinem Sohn zu vermitteln. Was nicht leicht ist. Die Zeiten haben sich geändert. Schnelllebiger, zynischer, mehr Möglichkeiten. Die Geschenke-Auswahl ist riesig. Wer die Wahl hat, hat die Qual und nicht alles, was da angeboten wird, ist pädagogisch wertvoll oder auch nur in irgendeiner Art sinnvoll. Familie? Die ist gross und lebt nicht wie früher auf dem gleichen Hof, sondern bis zu 700 km entfernt.

Alles so hinzubekommen, dass Familie, die eigenen Ansprüche und die der Familienmitglieder und ganz nebenbei auch noch der Job nicht zu kurz kommen, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.

WAS IST WEIHNACHTEN FÜR UNS?

Also, was tun? Kann und will man es jedem Recht machen? Was ist mir und meiner Freundin wichtig? Die hat natürlich auch eine eigene Vorstellung davon, wie Weihnachten zu feiern ist. Was wollen wir unserem Sohn an Weihnachten mitgeben, was vermitteln? Die Geburt Jesu? Kirche? Geben ist seliger denn Nehmen? Einfach mal ein paar Tage in Ruhe reine Mama-Papa-Zeit schenken? Weihnachtsgrüsse am Heiligen Abend per Skype-Videokonferenz bei einem überlasteten Netz an die weit entfernte Familie? Muss das denn immer alles sein? Nein. Muss es nicht.

Was ist Weihnachten für uns?
Wir brauchen einen Plan

WIR BRAUCHEN EINEN PLAN

Was für ein schönes und stressfreies Weihnachten sein muss, ist, sich darüber Gedanken zu machen, wie wir als Familie einen eigenen Weg finden, Weihnachten zu feiern. Und zwar so, dass wir uns auch im nächsten Jahr wieder darauf freuen können.

Das alles müssen meine Freundin und ich als Eltern unter einen Hut bekommen und da heisst es Kompromisse einzugehen. Denn letztendlich soll der weihnachtliche Zauber vor allem auf unseren Sohn überspringen. Damit er es schön hat. Klappt das, kommen wir auch ein wenig runter und können ausspannen.

DER FINALE WEIHNACHTSTIPP

Nachdenken und Prioritäten setzen. Akzeptieren, nicht allen Ansprüchen aller gerecht werden zu können und eventuell jemandem eine Absage erteilen. Ein eigenes Weihnachtsritual finden und ausbauen. So überstehe ich Weihnachten. Und du auch. Wir wünschen dir schöne Weihnachten.